Der Sinn des Lebens

生き甲斐

Ikigai.

Erst neulich sprach ich mit meinem guten Freund Thomas über die Sinnfindung im Leben. Wir sind auf die japanische Philosophie des Ikigai gestoßen, was wörtlich so viel wie „Lebenswert“ bedeutet. Dabei werden dem Ikigai häufig vier Charakteristika oder Werte zugeschrieben, die erfüllt sein müssen, damit auch wir uns analog erfüllt fühlen. Dazu gehören:

  • Du kannst etwas (Fähigkeiten, Talente, Anwendung von Wissen etc.)
  • Du machst es gerne (Flow-Gefühle, Herausforderungen etc.)
  • Du verdienst damit etwas (Geld, Freundschaft, Reichweite etc.)
  • Du kannst etwas geben (Der Welt, Menschen, Tieren etc.)

Ähnlich würde es auch Aristoteles formulieren:
Wo sich deine Talente mit den Bedürfnissen der Welt kreuzen, dort liegt deine Berufung.

Ich würde es wie folgt beschreiben: Du gibst und nimmst genau in dem Maße, als das jeder in deinem Umfeld profitiert.

Aber muss jeder von meinem Handeln profitieren? Nein, dass nicht. Alles kann, nichts muss. Wir müssen nur fünf Dinge im Leben: Atmen, Essen/Verdauuen, Schlafen, Bewegen & Sterben. Der Rest ist freiwillig. Wir können also bewusst ein Ungleichgewicht provozieren. Je mehr man sich jedoch mit dem Thema Sinnfindung auseinandersetzt, desto mehr stellt man fest, dass ein gewisses Gleichgewicht notwendig ist. Ein Gleichgewicht wäre beispielsweise: Ich gebe in dem Maße, wie ich bekomme. Oder etwa: Ich behandele andere, wie ich auch behandelt werden möchte. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Übertrage das Gleichgewicht doch auch mal auf andere Bereiche. Etwa auf die Superkompensation, den Blutzuckerspiegel oder auch die Landwirtschaft? Was passiert, wenn das Gleichgewicht zu lange missachtet wird? Probleme tauchen auf. Krankheiten entstehen. Dürre befällt das Land. Oder deine Freunde lassen dich im Stich.

„Gebt, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überfließend Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder messen.“ (Lukas: 6, 38)

Wir sehen also: Das Gleichgewicht, findet sich überall wieder.

Wenn ihr uns nun beide Fragen würdet, so hätten wir vermutlich ähnliche Ansichten darüber, worum es im Leben geht, letztlich ist dies jedoch für jeden individuell. Individuell deshalb, weil wir beide unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, uns noch andere Erkenntnisse bevorstehen und wir nicht dieselben Ziele im Leben haben. Dadurch können wir nicht nur andere Dinge (Talente und Fähigkeiten), sondern wollen auch andere Dinge (Bedürfnisse, Sehnsüchte, Wünsche). Was uns aber verbindet, ist das Gefühl, etwas sinnvolles im Leben zu schaffen.

Und hier möchte ich mit dir beginnen. Beim Sinn als Verbindung zwischen Innen und Außen.

Etymologisch ist das Wort Sinn, sowie die (Körper)Sinne eng verwandt. Dies gibt uns sprachlich einen ersten Hinweis darauf, dass der Sinn nur durch die Wahrnehmung der Wirklichkeit geschehen kann. Wenn wir die Wirklichkeit nicht adäquat wahrnehmen, etwa dadurch, dass unsere Sinne zu abgestumpft sind (hervorgerufen durch die Kopflastigkeit von Handy, Fernsehen, Computer, Arbeit & Co.) oder aber zu hochsensibel sind (Überspitzung der eigenen Emotionen wie Angst, Freude, Wut etc.), kommt es zu einer Verzerrung der Wirklichkeit.

Und hier knüpfen wir wieder beim Anfang an: Die Sinne sind unsere Spiegel der Wirklichkeit. Sie reflektieren dass Innere (Emotionen) mit dem Äußeren (Ereignisse). Sie verbinden unsere Emotionen (Angst, Freude, Wut etc.) und unsere Rationalität (Kopflastigkeit), sodass eine Gefühl für die Wirklichkeit entsteht. Eine zu emotionale Wahrnehmung, als auch eine zu rationale Wahrnehmung machen langfristig nicht überlebensfähig. Denn Ungleichgewicht sorgt für chronische Anspannung und in der Folge zu Problemen (wie Krankheiten, s. Psychosomatik).

Ikigai hilft uns dabei unser eigenes Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, indem es unsere Sinne justiert. Zum einen wird die Balance der Emotionen gewahrt (ich mache es gerne und kann etwas geben), zum anderen die Balance der Rationalität (ich kann etwas und kriege etwas dafür).

Dadurch, dass die Sinne geschärft werden, entsteht dann etwas, was jeder Mensch in seinem Leben gerne hätte:

Lebensgefühl.

Wie schön wäre es, sich noch einmal wie ein Kind zu fühlen? Wenn das Eis so besonders schmeckt. Wenn die Welt ein großer Spielplatz ist. Wenn die Neugierde den Tag läutet. Und wenn der Freundeskreis nicht auf Ansehen aus ist, sondern auf Spaß und Gemeinschaft.

All das können wir von Kindern lernen. Ihre rationale Seite ist noch nicht so ausgeprägt wie beim Erwachsenen, daher sind die Emotionen häufig zu stark und unkontrollierbar. Dafür haben Kinder jedoch ein Lebensgefühl, welches dadurch entsteht, dass sie sich durch die (rationalen) Eltern beschützt fühlen durch die ihrer emotionalen Seite geleitet werden.

Ähnlich kann es auch für uns „Erwachsene“ sein. Häufig haben wir kein Problem mit unserer Verantwortung, sondern eher mit unserem inneren Kind. Wir lassen es einfach zu selten raus und erlauben ihm auch mal das zu fühlen, was gerade gefühlt werden will. Und was passiert, wenn die ungelebten Emotionen verdrängt werden?

Wir sind blockiert, unsere Energie fließt nicht mehr und die Emotionen suchen sich einen Weg über den Körper. Wie dieser Weg aussieht, erkennt man anhand zahlreicher Symptombilder moderner Zivilisationserkrankungen. Andersherum kann jedoch genauso schädlich sein für uns: Wir müssen auch Verantwortung für diese Welt tragen.

Also, was lernen wir? Energie ist wandelbar, aber nicht zerstörbar. Dies ist ein Prinzip, das auch in der Thermodynamik bekannt ist. Unterschätze nicht deine Emotionen, sonst werden sie dich um jeden Preis dazu bringen wieder das Gleichgewicht herzustellen. Und wenn du dabei draufgehst.

Gleichgewicht heißt Lebensgefühl. Um also ein Lebensgefühl zu schaffen, ist jeder Teil deines Lebens wichtig und sollte akzeptiert werden. Leben heißt Leben, weil es gelebt werden will. Auch der Tod ist ein Teil des Lebens. Der Tod will gelebt werden.

Merke: Die Sinne helfen dir bei der Sinnfindung. Du hast jeden Tag einen Spiegel mit dir, der dir aufzeigen kann, was du gerade kannst und brauchst. Achte auf das Gleichgewicht und der Sinn deines Lebens (Ikigai) wird sich dir von alleine zeigen. So wie jede Wunde auch von alleine heilt, ohne dein zutragen. Hab einfach ein wenig Geduld.

Wie siehst du das? Schreib mir doch gerne. Ich bin für jede Ansicht offen.

tristan@denkmalpodcast.com